DER  GINGKO

 

Auf der Lilienthaler Allee genau zwischen der Rive Gauche Brasserie und der Kunsthalle, stinkts immer so. Immer an der gleichen Stelle, manchmal intensiver, manchmal weniger. Es ist eine Mischung aus Gulli, also stehendem Wasser, faulen Eiern und Kompost. Also eigentlich der selbe Geruch, organische Suppe, in verschiedenen Nuancen. Wie Blumen auch unterschiedlich riechen und nicht nur nach der gleichen Blume, bloss in dem Fall das genaue Gegenteil in der Geruchsbandbreite. Auf den Gesichtern der Leute die vorbeigehen sieht man, dass sies auch merken. Dem Lachen weicht ein Naserümpfen und sie kneifen die Augen zu und senken den Kopf nach unten und schütteln ihn schauend nach links und rechts. Als ich am Tresen vom Waldhaus von meinen Beobachtungen erzähle, sind sich alle einig der Geruch ginge vom Gingko aus, der da steht. Der Gingko stinkt sagen alle. 

 

Ich mag den Gingko. Der Gingko ist ein wichtiger Bestandteil des Baden-Badener Lebens. Er ist ein Störer, ein Wachrüttler, eine unausweichliche Duftskulptur, die alle aus dem Good-Good Life daran erinnert, dass Genuss vergänglich ist und die Vergänglichkeit nicht gut riecht. Der Gingko ist ein nötiger Ausgleicher, die wichtigste Kunst im öffentlichen Raum Baden-Badens. 

WOHNUNG1.png