Buffy The Vampire Slayer ist eine der Lieblingsserien des Popfeminismus und nicht umsonst ranken sich endlose Verzweigungen der Fankultur darum. Popfeminismus wird heute durchaus kritisch gesehen, weil er für einen Feminismus steht, der oft zu verhalten ist, was politische Forderungen und Kämpfe anbelangt, aber er ist nach wie vor ein wichtiger und wunderbarer Einstieg in die Auseinandersetzung damit. Gerade für Teenager ist die Auseinandersetzung mit Problemen über die Reibfläche von Kultur selbstverständlich: Es wird herumtheoretisiert, sich verglichen, wird über Verhalten und Probleme gestritten, werden Wertvorstellungen entwickelt, wird sich im Um- oder Weitererzählen ausprobiert. Mit gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen brechen zu lernen, zu selbstbestimmter Sexualität zu finden, sich Selbstvertrauen und Gleichberechtigung zu erkämpfen — die ersten Babysteps dahin lernen viele in der Auseinandersetzung mit fiktiven Welten. In Buffy luden schon allein die zahllosen intertextuellen Bezüge dazu ein, selbst Geschichten weiterzuspinnen. Und Buffy bot viel Stoff dafür: Sie war nicht nur das toughe sexy Teen-Grrl, das in den Auftrag gestürzt wird, die Menschen vor grausigen Dämonen zu schützen und problematische Beziehungen mit Vampiren eingeht, sondern sie kämpft genauso mit Problemen des Coming of Age in einer ungerechten Welt. Anfangs sind das vor allem Spannungen in Freundschaften, Mobbing, Rape Culture, sexuelle Übergriffe, zu Selbstvertrauen und zu selbstbestimmter Sexualität zu finden, Verantwortung zu übernehmen, schulische Leistungsprobleme, später kommen Themen wie Geldsorgen und Shitjobs dazu. Eine Superheldin, mit der sich’s identifizieren ließ. 

 

Die Geschichten einer fiktiven Welt wie des Buffyverse für sich weiterzuspinnen, anders zu spinnen, sich dieser Welt einzuschreiben, das kann sexuelle Fantasie sein, dass kann utopische Praxis sein, das kann Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte sein. Nur weil Stoffe fiktiv sind, heißt das ja nicht, dass sie nichts mit dem echten Leben zu tun hätten. Deswegen wurde und wird über Geschichten schon immer heiß gestritten. Es wurde zensiert und neuinterpretiert, von jahrhundertealten Geschichten werden bis heute neue Variationen geschrieben, ob das die x-te Bearbeitung des Romeo und Julia Stoffes ist, oder Fan Fiction über die Lieblingsboyband. Auf der anderen Seite wird auch bis aufs Blut debattiert, ob und wie Stoffe verändert werden dürfen: Ob es konservative alte weiße Männer sind, die ihr Anrecht auf rassistische Begriffe in Jugendbüchern einfordern, die ihre Kindheit prägten, oder ob es junge Harry Potter Fans auf Twitter sind, die sich dagegen wehren, dass J.K. Rowling ihren Figuren im Nachhinein noch progressivere Züge andichten will. Was das gemein hat, ist dass sich in der Leidenschaftlichkeit der Debatten immer wieder ausdrückt, wie sehr die Auseinandersetzung mit Geschichten auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, mit den eigenen Wertvorstellungen ist.

 

Buffy ist ein Kind der 90er und entspricht in einigem nicht mehr heutigen Erwartungen an eine progressive Teen-Serie, da sei hier nicht drum rum geredet. Sie trägt all die Probleme des Popfeminismus dieser Ära, für den sie wie kaum eine andere dieser Zeit steht: es ist ein Feminismus der starken weißen sexy Frau. Wie sich eine solche Vielzahl von Dämonen ausdenken lässt, aber es niemandem komisch vorkommt, dass der Cast so gut wie völlig weiß erdacht und besetzt wird, wird uns heute glücklicherweise immer unverständlicher, aber ist immer noch oft der Fall. Im Konzept der Auserwählten, die als eine Art Bürger*innenwehr für die menschliche Rasse alle anderen Rassen bekämpft, können durchaus faschistische Ansätze gesehen werden. Der Popfeminismus schlägt sich auch im männlichen Blick der Serie nieder: Ja, er brachte uns starke Frauen, aber sexy mussten sie halt zusätzlich auch noch sein. Und: Auch wenn in Buffy lesbische Liebe akzeptiert ist, schwulenfeindlichen Sprüchen und einer altbackenen Vorstellung von Männlichkeit wird in der Serie recht wenig entgegengesetzt. Dass Charisma Carpenter (in der Serie die Figur Cordelia) Anfang 2021 ein langes Statement veröffentlichte, in dem sie Joss Whedon für ein Verhalten am Set anklagte, das durch Machtmissbrauch und Mobbing geprägt war, führte dazu, dass sich viele noch mal neu unter dem Gesichtspunkt der Dreierbeziehung zwischen Werk, Künstler*in und Betrachter*in mit der Serie auseinandersetzen mussten. Ich kann heute nicht über Buffy schreiben, nicht über Buffy schwärmen, ohne solche kritischen Punkte zu machen, aber wir müssen nicht komplett mit problematischen Werken brechen, sondern die kritischen Momente mitbretrachten, und dann für uns entscheiden, ob wir ihnen noch etwas abgewinnen können oder nicht. 

 

Mit Buffy The Vampire Slayer komplett zu brechen wäre schade, denn sie war damals schon ein Lichtblick in der Serienlandschaft und in vielem ist sie auch heute noch erfrischend und sehenswert. Das Antiheld*innenhafte der Figuren, die im Zweifelsfall über alle Dämonen siegen, aber immer wieder an sich selbst und an Alltagsproblemen und auch an Rape Culture scheitern und sich wieder aufrappeln müssen ist eine Vorlage, die nicht umsonst bis heute die Coming of Age-Serienwelt prägt. Wo die erste Staffel noch langsam Fuß fasst, ist ab der zweiten eine gekonnte Mischung aus comichafter Überzeichnung und Auseinandersetzung mit Problemen gelungen. Es ist ein wunderbares Hin und Her zwischen Wortwitz, überzogenen Figuren, Horror, der die Angstlust stillt, und lustvoller weiblicher Sexualität auf der einen Seite und dem Ernstnehmen von Problemen der Figuren, die in diesem campy Kosmos um solidarisches Verhalten und Konsenskultur ringen, auf der anderen. Das trifft auch heute noch einen Nerv. Gerade das Übertriebene, Trashige des Horrors und der gewitzten Dialoge, schaffen, dass die Momente, in denen ernsthaft mit Problemen umgegangen wird, dich unerwartet treffen und oft schmerzhaft direkt sitzen. Bestes Beispiel ist die Folge The Body, in der es um die Bewältigung des Todes von Buffys Mutter geht. Es wird nicht das Sterben erzählt, es gibt keinen Abschied, sondern die junge Vampirjägerin findet eines Tages, als sie nach Hause kommt, ihre Mutter tot vor. In dieser Folge wird komplett mit dem campy Grundton der Serie gebrochen und stattdessen mit Mitteln wie Stille und harten Schnitten brutal die Fassungslosigkeit, der Schmerz und die Hilflosigkeit eingefangen, die der plötzliche Tod eines geliebten Menschen auslösen kann. Im Rahmen der Serie steht diese Folge über einen natürlichen Todesfall in hartem Kontrast zum sonstigen gewalttätigen Bodycount, der sich wahrscheinlich vor Game of Thrones nicht zu verstecken braucht.

 

Auch das lustvolle Erleben eigener Macht und sogar an Gewalt im Kampf gegen Frauenfeindlichkeit ist ein Thema, das gleich in mehreren Figuren durchgespielt wird und sich auch heute noch ungestillt und umrungen in feministischer Popkultur findet: von einer Serie wie “Dietland” bis zu einem Roman wie “The Power” von Naomi Alderman oder der Bürotasse mit dem “Male Tears”-Aufdruck. Das Dreiergespann von misogynen Nerd-Genies, das in den letzten Staffeln eine zentrale Rolle spielt, erscheint heute, als hätte sie schon vor zwanzig Jahren die heutige Diskussion um die Incel-Ideologie popkulturell verarbeitet. So wie auch der Incels-Kult lange verharmlost wurde und erst nach einigen Terrorakten ernstgenommen wurde, erscheint das Trio in Buffy auch erst als Grüppchen bemitleidenswerter Bösewichte, über die sich bestenfalls lustig gemacht wird: Sie bauen lebensechte weibliche Roboterkopien echter Frauen oder eine Unsichtsbarkeitskanone, um sich an nackte Frauen anschleichen zu können, und anfangs scheitern ihre absurden Versuche, ihr gefühltes Anrecht auf Sex mit Frauen mit Technologie und mystischen Beschwörungen durchzusetzen, krachend. Sie werden dann aber nach und nach als bedrohlichere Figuren aufgebaut, und landen schließlich bei Morden und führen fast die Apokalypse herbei. Und hey, mit Willow und Tara stand eine lesbische Beziehung so stark und positiv im Rampenlicht, wie es bis dahin in Teenserien undenkbar war und immer noch selten ist.

 

Gerade in Zeiten von Klimakatastrophe und Pandemie wirkt das Buffyverse seltsam vertraut: Die Figuren sind in eine chaotische, komplizierte, unfaire Welt geworfen, in der immer wieder die Apokalypse vor der Tür steht, und in der sie lernen müssen, Widersprüchlichkeiten auszuhalten. Wo Buffy zu Beginn als Figur der außergewöhnlichen, individualistischen Powerfrau des neoliberalen Popfeminismus aufgebaut wird, durchläuft sie im Verlauf der Serie durchaus eine Entwicklung, in der sie akzeptiert, dass sie sich nur durch Unterstützung anderer gegen das Böse oder auch in Alltagsproblemen durchsetzen kann, und in der finalen Staffel tritt schließlich sogar eine ganze Gruppe junger Slayerinnen mit ihr zum Kampf an — smells like team spirit. Auch vorher schon ist sie aber kein Superman und keine Jessica Jones. Sie definiert sich stark durch die sozialen Beziehungen, in die sie eingebettet ist. Es ist hier keine Schwäche oder Abhängigkeit, etwas nicht alleine hinzubekommen. Darin liegt auch im Popfeminismus Buffys schon ein Stück Wurzelwerk eines ermutigenden Rufs zu Solidarität als Weg zum Aufbrechen des Status Quo einer Welt, die fordert, dass du es ganz alleine und selbst mit deiner harten Arbeit an dir schaffen kannst, musst.

Eve Massacre