WILLKOMMEN

„Warum nicht einfach das, was man weiss, auf das draufpacken, was man mag? Ist doch auch ein Sandwich.“

aus dem Buch von Dietmar Dath: Sie ist wach. Über ein Mädchen, das hilft, schützt und rettet. / Implex Verlag, 2003 

 

Willkommen auf www.timeishardtomanage.com, einer Online-Ausstellung von Claudia Holzinger. Aufgewachsen in Oberbayern, direkt an der Grenze zu Niederbayern, hat sie samstagnachmittags die Serie „Buffy - Die Vampirjägerin“ im Fernsehen angeschaut.

 

Dieses Scroll-and-Click-Abenteuer erzählt von Teenager- (Alb-)träumen, Dämonen im Spiegel, Akne, Familie und Wutmanagement genauso wie von den Guten, den Bösen, den Mutigen, Schüchternen und dem ganzen Regenbogen aus Grautönen dazwischen.

 

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Ende 2020 habe ich angefangen, an dieser Serie zu arbeiten. Ich war genauso mittendrin in der 3. Staffel von „Buffy - Die Vampirjägerin“ wie im 2. Lockdown einer globalen Pandemie, als ich ins Wohnzimmer meines Elternhauses zurückversetzt worden bin. Vor den Fernseher. An einem Samstagnachmittag.

 

Als Kind/ Jugendliche hatte ich meistens das Gefühl, keine Stimme, keine zählende Meinung und einfach nicht die Wahl zu haben, Dinge tun oder lassen zu können. Das Dorf wollte ich schon ziemlich früh verlassen, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. 

Ich erinnere mich an Diskussionen mit älteren Generationen meiner Familie, ob es überhaupt Sinn macht, mich auf eine weiterführende Schule zu schicken, da ja schließlich niemand ein Diplom braucht, um Hausfrau und Mutter zu sein. (Wieso denken eigentlich so viele, dass Mädchen auf die Welt kommen und „Haushalt machen“ einfach können? Niemand weiss instinktiv wie Kochen, Putzen, Bügeln, Waschen geht - das sind Dinge, die gelernt werden müssen. Und Erziehung recht.)

 

„Aus jeder Menschengeneration wird ein Mädchen auserwählt, eine Jägerin, die sich allein dem Kampf gegen Dämonen und Vampire, gegen die Mächte der Finsternis stellen muss.“ 

Diese Worte sind in einigen Staffeln Element der Eröffnungserzählung von „Buffy - Die Vampirjägerin“ und werden auch so oft genug in einzelnen Episoden wiederholt.

Im Gegensatz zu denen aus Beverly Hills und den Dawson‘s Creekers, hat Buffy nicht nur die High School-Mädchen-Probleme, sondern auch die wirklich schwierige Aufgabe, ständig das Ende der Welt zu verhindern.

 

Sie ist mutig und stark, egal wie grausam und berühmt dafür ihre Gegner*innen scheinen. 

Das hat mir sehr geholfen mich, Mathe, Physik und Chemie - meine damaligen unbesiegbaren Dämonen -  zu stellen oder es zumindest zu probieren. 

 

Ausserdem war es wichtig, über die Disney-Vorstellung eines „Prinzen auf dem weißen Pferd“ hinwegzukommen. Buffy hat mich mitunter verstehen gemacht, dass ich die Einzige bin, die die Macht hat, die Dinge für mich zu verändern und das nicht nur Möglichkeit, sondern auch meine Pflicht ist. 

 

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Im Februar 2021 tritt Charisma Carpenter, die in der Serie die Rolle der Cordelia Chase spielte, mit dem Vorwurf gegen Joss Whedon, Autor und Regisseur von „Buffy - Die Vampirjägerin“, an die Öffentlichkeit, über Jahre ein toxisches Arbeitsumfeld geschaffen und seine Macht am Set mehrfach missbraucht zu haben. Whedon, der nicht nur den Charakter von Buffy kreierte, sondern sich auch gern und lautstark als Feminist präsentierte, hat in der Erzählung der Serie eine Welt gezeigt, die sich als sehr weit von der Realität am Set entfernt herausstellte.

 

Als diese Nachricht mich erreicht, fange ich an mich zu fragen, ob es noch möglich ist, meine Arbeit „Claudia - Die Vampirjägerin“ zu veröffentlichen und damit etwas, dessen Schaffensprozess traumatische Erlebnisse bei direkt Beteiligten ausgelöst hat, als für mich positiven Moment in meiner Geschichte zu zeigen. 

 

Die Serie anzuschauen hat sich geändert und damit auch mein Bezug dazu. 

Trotzdem fällt es mir sehr schwer, die Bedeutung von Buffy und ihren Nebencharakteren* als weibliche Rollenbilder, die mir einen neuen Horizont hinter den bayerischen, endlosscheinenden Wäldern zeigten, zu verneinen.

Was zu einer Frage führt, die nicht neu ist, aber in der jüngeren Vergangenheit glücklicherweise immer öfter und lauter gestellt wird: Kann das Werk von dessen Autor*in getrennt gesehen werden?

 

Ich glaube, das ist eine Frage, die sich nicht allgemein beantworten lässt und deshalb Jede*r immer wieder und von Fall zu Fall aufs Neue und für sich beantworten muss.

Ich für mich, finde es schwierig, eine Grenze zu ziehen. Was vielleicht auch daran liegt, dass ich selbst als Künstlerin sehr nah an meiner Person arbeite und eigentlich keinen Abstand zwischen mir und meiner Arbeit sehen kann. Trotzdem bin ich mit den Charakteren und der Erzählung der Fernsehserie verbunden und auch wenn ich aktiv versuche, meinem Fansein entgegenzuwirken, gibt es eine Bindung, die tiefer liegt, als Verstand. 

 

Sarah Michelle Gellar, die Darstellerin der titelgebenden Heldin Buffy, postet dazu auf Instagram: „Während ich stolz darauf bin, für immer mit dem Namen Buffy Summers in Verbindung gebracht zu werden, möchte ich nicht für immer mit Joss Whedon in Verbindung gebracht werden. Derzeit liegt mein Fokus darauf, meine Kinder großzuziehen und eine Pandemie zu überleben, also werde ich derzeit keine weiteren Statements dazu abgeben. Aber ich stehe zu den Mißbrauchsüberlebenden und bin stolz darauf, dass sie es zur Sprache bringen.“ 

Sarah Michelle Gellar, die sowohl Teil des Narrativs der Serie wie deren Realität am Set war, hat beschlossen, in diesem Fall eine Grenze zwischen dem Schöpfer und dem Geschaffenen zu ziehen. 

 

Der Machtmissbrauch am Set ist nicht der einzige Grund, die Serie nicht auf ein Podest zu stellen. In allen Staffeln fehlt es an ethnischer Vielfalt und auch die nicht eingeordnete Vergewaltigungsszene oder die mangelnde Vielfalt an Körperformen, sind Beispiele dafür, warum „Buffy - Die Vampirjägerin“ kein ideales Serienvorbild war und ist. 

 

In meiner Arbeit, habe ich versucht, „Buffy - Die Vampirjägerin“ als eine Sammlung von Material zu behandeln und daraus etwas Neues zu schaffen. Etwas Persönliches, aber auch etwas, aus dem hoffentlich auch Andere einen positiven Moment herausziehen können. Eine kleine Erinnerung daran, wie es sich anfühlt, Teenager zu sein, wie es sich anfühlt, so Vieles zum ersten Mal zu machen. 

 

Es tut mir sehr leid, dass Charisma Carpenter, Michelle Trachtenberg, Eliza Dushku, Amber Benson und Ray Fisher durch die Person Joss Whedon am Set von „Buffy - Die Vampirjägerin“ Missbrauch und Misshandlung erfahren haben. Ich bewundere und danke Charisma Carpenter für Ihren Mut, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen und so Andere zu unterstützen, die Gleiches oder Ähnliches erlebt haben. 

Charisma Carpenter: How to be an Ally of Victims of Abuse 

 

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